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Tag der Befreiung: Schmölln erinnert mit Gedenkfeier und Kranzniederlegung |

(Foto: Stadtverwaltung Schmölln)

Tag der Befreiung: Schmölln erinnert mit Gedenkfeier und Kranzniederlegung

Zeitgeschehen Pressemitteilungen
11.05.2026, 17:07 Uhr
Von: Maja Persch, Öffentlichkeitsarbeit Stadtverwaltung Schmölln
Schmölln gedachte am 8. Mai mit Kranzniederlegung und einer bewegenden Rede von Bürgermeister Sven Schrade dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung vom Nationalsozialismus.

Schmölln, 11.05.2026. Mit einer würdevollen Gedenkveranstaltung erinnerte die Stadt Schmölln am 8. Mai an das Ende des Zweiten Weltkriegs und an die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus vor 81 Jahren. Zahlreiche Gäste versammelten sich am Gedenkstein im Stadtpark, um gemeinsam der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu gedenken.

An der Veranstaltung nahmen unter anderem Bürgermeister Sven Schrade, Carsten Helbig als ehrenamtlicher Beigeordneter des Landkreises sowie Mitglieder des Stadtrates teil. Musikalisch begleitet wurde die Gedenkstunde vom Klarinettentrio YaMaHa der Musikschule Schmölln. Eine Kranzniederlegung bildete den stillen Höhepunkt der Veranstaltung.

In seiner Rede erinnerte Bürgermeister Sven Schrade eindringlich an die Ereignisse des Frühjahrs 1945 in Schmölln. Besonders hob er den 13. April 1945 hervor – jenen Tag, an dem eine weiße Fahne auf dem Kirchturm der Stadtkirche gehisst wurde und damit die kampflose Übergabe der Stadt ermöglicht wurde. Amerikanische Truppen hatten bereits Stellung bezogen, Panzer waren auf die Stadt gerichtet. Nur durch die Kapitulation blieb Schmölln in den letzten Kriegstagen vor Zerstörung bewahrt.

Schrade schilderte eindrucksvoll die dramatische Situation jener Zeit: Hunger, zerstörte Infrastruktur, Verwundete in den Schulen und die Angst der Bevölkerung prägten den Alltag. Gleichzeitig machte er deutlich, dass der 8. Mai weit mehr als das Ende des Krieges bedeutet. „Wir wurden nicht nur von Bomben befreit, sondern von einem menschenverachtenden System“, betonte der Bürgermeister. Dabei erinnerte er auch an deportierte und ermordete Schmöllner Bürgerinnen und Bürger.

In seiner Rede griff Schrade zudem die bis heute bedeutenden Worte des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker auf, der den 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ bezeichnete. Erinnerung dürfe niemals zur bloßen Pflichtübung werden, sondern müsse Grundlage demokratischen Handelns bleiben. Mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen warnte Schrade davor, die Erinnerung an die NS-Verbrechen infrage zu stellen oder zu relativieren.

Schmöllns Bürgermeister schlug zugleich den Bogen in die Gegenwart. Demokratie, Frieden und Freiheit seien keine Selbstverständlichkeiten, sondern müssten jeden Tag aufs Neue verteidigt werden. „Befreiung ist ein Prozess“, sagte Schrade. Dazu gehöre es, Vorurteilen entgegenzutreten, Haltung gegen Intoleranz zu zeigen und Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Zum Abschluss rief Schrade dazu auf, die Lehren der Geschichte wachzuhalten und die gemeinsame Verantwortung für Frieden und Demokratie ernst zu nehmen. Die weiße Fahne von 1945 solle Mahnung bleiben – und zugleich Symbol dafür, dass Menschlichkeit und Vernunft stärker sein können als Gewalt und Ideologie.
 

Die Rede:

Liebe Schmöllnerinnen und Schmöllner, verehrte Gäste, geschätzte Stadträte,

wenn wir heute hier in unserer Stadt Schmölln zusammenkommen, dann blicken wir auf ein Datum, das wie kaum ein zweites die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts spaltet und zugleich eint: den 8. Mai.

Wir stehen hier an einem Ort, der heute friedlich im Herzen Thüringens liegt. Wir hören das sanfte Rauschen der Sprotte, wir sehen unsere vertrauten Straßen. Doch wenn wir 81 Jahre zurückgehen, in jenen Frühling des Jahres 1945, dann war die Stille in unserer Stadt eine andere. Es war die Stille der Erschöpfung, die Stille der Angst und schließlich die Stille eines Neubeginns, der unter dem Läuten der Kirchturmglocken am 8. Mai 1945 verkündet wurde.

Ich habe in Vorbereitung auf diesen Tag in den Chroniken unserer Stadt gelesen. Ich habe Berichte von Zeitzeugen gehört. Und ein Bild ist mir dabei besonders in Erinnerung geblieben: Es ist das Bild unserer Stadtkirche. Dort, wo heute stolz unsere Glocken läuten, wehte im April 1945 eine weiße Fahne.

Zeitzeugen berichteten mir, dass die amerikanischen Truppen bereits in Stellung gegangen waren. Dort, wo heute die Autobahnauffahrt Schmölln liegt, standen die Panzer. Die Rohre waren auf unsere Häuser, auf unsere Familien, auf unsere Heimat gerichtet. Nur das Zeichen der Kapitulation, dieses schlichte weiße Tuch im Wind, verhinderte, dass Schmölln in den letzten Stunden eines sinnlosen Krieges in Schutt und Asche versank.

Dieser Moment markiert den 13. April 1945 für Schmölln - unseren ganz persönlichen Tag der Befreiung, bevor der 8. Mai diesen Frieden für die ganze Welt besiegelte.

Wenn wir heute vom „Tag der Befreiung“ sprechen, dann tun wir das in dem Wissen, dass dieser Begriff lange Zeit umkämpft war. Für viele, die damals dabei waren, fühlte es sich zunächst nicht wie eine Befreiung an. Es war ein Zusammenbruch. Es war Hunger. Es war Verlust.

Die Daten aus jener Zeit sprechen eine deutliche Sprache. Die Lebensmittelrationen in Schmölln waren im Mai 1945 auf ein Minimum zusammengestrichen: 250 Gramm Fleisch, 100 Gramm Fett für einen Erwachsenen – für einen ganzen Monat. Hunger war der ständige Begleiter in den Straßen unserer Stadt.

Unsere Schulen waren keine Orte des Lernens mehr. In der Oberschule war ein Lazarett eingerichtet. 291 Verwundete lagen dort, gepflegt von 71 Schwestern und 54 Ärzten. Das Leid des Krieges war in Schmölln greifbar, es roch nach Desinfektionsmitteln und Tod. Noch am 14. Februar waren zehn Bomben auf die Felder zwischen der Crimmitschauer Straße und der Sommeritzer Straße gefallen. Der Krieg war bis zur letzten Sekunde hier.

Und doch müssen wir uns fragen: Wovon wurden wir befreit?

Wir wurden nicht nur von den Bomben befreit. Wir wurden von einem System befreit, das die Menschlichkeit mit Füßen getreten hatte. In den Deportationslisten in die Konzentrationslager tauchten auch viele Namen von Schmöllner Bürgern auf. Sie alle waren Bürger dieser Stadt. Und sie wurden abtransportiert und ermordet, weil dieses System entschied, wer leben durfte und wer nicht.

Wenn wir heute „Befreiung“ sagen, dann meinen wir auch die Befreiung von der Schuld, solche Verbrechen im Namen unseres Volkes geschehen zu lassen.

Meine Damen und Herren, vor nunmehr 41 Jahren, im Jahr 1985, hielt der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker eine Rede, die bis heute unser Verständnis dieses Tages prägt. Er sagte: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

Diese Worte waren damals ein Wagnis. Sie waren eine Provokation für all jene, die nur die Niederlage sehen wollten. Weizsäcker schlug uns ein „Tauschgeschäft“ vor, wie es Historiker heute nennen: Er forderte von uns das ehrliche Erinnern an die Verbrechen und bot uns dafür im Gegenzug die Chance auf eine demokratische Erfolgsgeschichte.

Wir hier in Schmölln haben diese Geschichte auf ganz besondere Weise erlebt. Wir leben in einer Region, in der der 8. Mai eigentlich ein staatlicher Feiertag war, in den Jahrzehnten der DDR. Doch wir wissen auch, dass Gedenken nicht verordnet werden kann. Echtes Gedenken muss von unten wachsen. Es musste in der Gaststätte „Germania“ beginnen, wo sich bereits am 15. April 1945 Schmöllner Kommunisten und Sozialdemokraten illegal trafen, um ein „Antifa-Komitee“ zu bilden. Es muss in der Zahnbürstenfabrik beginnen, die am 23. April mit 40 Mitarbeitern die Produktion wieder aufnahm.

Befreiung heißt auch: Die Freiheit, das eigene Schicksal wieder in die Hand zu nehmen. Die Freiheit, wieder Zahnbürsten statt Panzerfäuste zu produzieren.

Doch wir dürfen nicht blind sein. Erinnerung ist kein gemütliches Ruhekissen. Richard von Weizsäcker mahnte uns: „Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“

Heute, im Jahr 2026, spüren wir, dass dieser Konsens Risse bekommt. Wir hören Stimmen, auch hier in Thüringen, die eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordern. Es gibt Menschen, die das Gedenken an die NS-Verbrechen als Last empfinden, die sie gerne abwerfen würden.

Aber ich sage Ihnen als Bürgermeister dieser Stadt: Wer die Denkmäler der Vergangenheit stürzt, der bringt die Fundamente unserer Zukunft zum Wackeln. Unsere Identität als Deutsche, unsere Identität als Schmöllner darf nicht auf dem Vergessen basieren.

Ja, wir dürfen Mitgefühl haben mit den 16.327 Einwohnern, die Schmölln im Mai 1945 zählte – darunter tausende Flüchtlinge aus dem Osten, die alles verloren hatten. Wir dürfen die Tränen der Mütter sehen, deren Söhne nicht aus dem Krieg zurückkehrten. Das ist die menschliche Seite unserer Geschichte.

Die weiße Fahne auf unserem Kirchturm war mehr als nur ein Zeichen der Kapitulation: sie war der Moment, in dem Schmölln aus der Umklammerung einer zerstörerischen Ideologie gerettet wurde. Wir dürfen das Leid unserer Stadt, die Angst und den Hunger jener Tage heute offen anerkennen, ohne es gegen die Verbrechen der damaligen Zeit aufzurechnen. Denn das eine war die bittere Folge des anderen. Die Befreiung war ein Geschenk, das von außen zu uns kam, weil wir selbst nicht mehr die Kraft hatten, das Grauen zu beenden: von den Amerikanern, die im April friedlich einmarschierten, und von den sowjetischen Truppen, die später die Verantwortung übernahmen.

Es war der Tag, an dem uns die Hand gereicht wurde, um aus den Trümmern die Demokratie zu bauen, in der wir heute gemeinsam und sicher leben.

Was bedeutet das für uns heute in Schmölln?

Am 8. Mai 1945 verkündete das Glockengeläut in unserer Stadt den Frieden. Dr. Herbert Staude wurde von der Militärregierung als Bürgermeister eingesetzt. Es war die Stunde Null der Verwaltung, aber es war nicht die Stunde Null unserer Verantwortung.

Wenn wir heute durch die Crimmitschauer Straße gehen oder am Markt stehen, dann ist dieser 8. Mai kein verstaubtes Geschichtsdatum. Er ist ein Auftrag.

Befreiung ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann besitzt. Befreiung ist ein Prozess.

  • Wir befreien uns jeden Tag neu von Vorurteilen.
  • Wir befreien uns jeden Tag neu von dem Schweigen, wenn Intoleranz ihren Kopf erhebt.
  • Wir befreien uns jeden Tag neu von der Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer.

Die Historikerin Cornelia Siebeck hat recht, wenn sie sagt, dass wir uns der demokratischen Erfolgsgeschichte nur dann sicher sein können, wenn wir uns der Vergangenheit erinnern.

In Schmölln haben wir eine starke Gemeinschaft. Wir haben Firmen, die seit Jahrzehnten bestehen. Wir haben Vereine, die das soziale Gefüge stützen. All das war nur möglich, weil wir nach 1945 den Weg der Versöhnung und der Demokratie gewählt haben.

Liebe Gäste,

der 8. Mai ist ein Tag der Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber jenen, die damals den Mut hatten, die weiße Fahne auf den Kirchturm zu hängen. Dankbarkeit gegenüber jenen, die Schmölln aus den Trümmern wieder aufgebaut haben, mit Hunger im Bauch, aber Hoffnung im Herzen. Und Dankbarkeit gegenüber jenen, die uns heute daran erinnern, dass Frieden und Freiheit keine Selbstverständlichkeiten sind.

Lassen Sie uns diesen Tag nutzen, um innezuhalten. Schauen wir auf unsere Stadt. Sie ist schön, sie ist lebendig, sie ist unsere Heimat. Bewahren wir diese Heimat, indem wir die Lehren aus der Geschichte nicht vergessen.

„Erinnerung ist der Schlüssel zur Erlösung“, so zitierte es Weizsäcker. Für uns in Schmölln heißt das: Erinnerung ist der Schlüssel für eine friedliche, gemeinsame Zukunft.

Möge in unserer Stadt nie wieder eine weiße Fahne aus Angst wehen müssen, sondern mögen unsere Fahnen immer Zeichen der Freiheit, der Toleranz und der Zuversicht sein.

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