Warum gegenseitige Vorurteile zwischen Jung und Alt den Blick auf das Wesentliche verstellen und weshalb demokratischer Protest von nächtlicher Gewalt unterschieden werden muss.
In den sozialen Medien, in Schlagzeilen und manchmal auch am Stammtisch prallen derzeit oft zwei Erzählungen aufeinander: Den Älteren wird vorgeworfen, sie hätten auf Kosten der Jüngeren gelebt und ihnen die Zukunft verbaut. Den Jüngeren wiederum wird vorgeworfen, sie hätten keine Lust mehr, diese Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Aber stimmt dieses Bild überhaupt? Oder lassen wir uns zu sehr von zugespitzten Debatten und gegenseitigen Vorurteilen leiten, während das tatsächliche Zusammenleben der Generationen ganz anders aussieht?
Da heißt es, die ältere Generation habe es leichter gehabt, mit einem normalen Einkommen ein Haus zu kaufen und Vermögen aufzubauen. Sie habe vom wirtschaftlichen Wachstum profitiert und ökologische wie finanzielle Lasten in die Zukunft verschoben – quasi auf Kosten der heutigen Jugend. Und wenn es heute um die Rente oder die Verteilung gesellschaftlicher Lasten geht, würden die Interessen der Älteren stärker berücksichtigt.
Auf der anderen Seite heißt es, die jungen Leute wollten alles: gute Bezahlung, flexible Arbeitszeiten, viel Freizeit und schnelle Aufstiegsmöglichkeiten. Aber wenn es darum gehe, Leistung zu bringen und Verantwortung zu übernehmen, fehle ihnen die Bereitschaft. Sie seien zu empfindlich, hingen ständig am Smartphone und wollten sich nicht mehr einfügen. Ihnen wird nicht selten Faulheit vorgeworfen.
Solche Erzählungen begegnen uns immer wieder. Doch manches daran ist nicht nur übertrieben zugespitzt, sondern schlicht falsch oder zumindest sehr einseitig.
Wenn ich auf das tatsächliche Zusammenleben schaue, sehe ich oft etwas ganz anderes: Großeltern, die stolz auf ihre Enkel sind. Eltern, die ihre Kinder unterstützen und ihnen wünschen, dass sie es einmal besser haben. Und junge Menschen, die durchaus zu schätzen wissen, was ihre Eltern und Großeltern geleistet, aufgebaut und ihnen mitgegeben haben.
Natürlich gibt es unterschiedliche Interessen und Sichtweisen. Natürlich gibt es Konflikte. Aber ich frage mich schon, ob wir einen Generationenkonflikt nicht manchmal medial größer reden, als er im Alltag der meisten Menschen tatsächlich ist.
Das heißt nicht, dass wir die Probleme kleinreden dürfen. Es gibt echte Fragen der Generationengerechtigkeit, über die wir sprechen müssen: Wie finanzieren wir unsere Renten? Wie verteilen wir die Lasten zwischen den Generationen? Wie gehen wir mit dem Klimawandel, der Staatsverschuldung, der sich verändernden Arbeitswelt und den Kosten unserer Lebensweise um?
Das sind berechtigte Fragen. Aber sie rechtfertigen keine pauschalen Schuldzuweisungen an Millionen Menschen der älteren Generation. Genauso wenig ist es fair, eine ganze junge Generation als bequem oder leistungsunwillig abzustempeln.
Keine Generation hat sich ihre Ausgangsbedingungen selbst ausgesucht. Die Älteren sind in eine andere wirtschaftliche Wirklichkeit hineingeboren worden als die heutige Jugend. Sie haben Chancen genutzt, die es heute teilweise so nicht mehr gibt. Umgekehrt stehen junge Menschen vor Herausforderungen, die frühere Generationen in dieser Form nicht kannten. Das ist kein persönliches Versagen, sondern das Ergebnis unterschiedlicher Lebensbedingungen.
Schauen wir doch einmal genauer hin: Junge Menschen gründen Unternehmen, entwickeln Ideen und engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen, bei der Feuerwehr, im sozialen Bereich und an vielen anderen Stellen. Sie wollen etwas bewegen. Und ja, sie wollen auch Zeit für Familie, Freunde und ihr eigenes Leben haben. Das ist nicht automatisch Faulheit, sondern Ausdruck eines anderen Blicks darauf, wie ein gutes Leben aussehen kann.
Genauso wenig dürfen wir die Lebensleistung der älteren Generation kleinreden. Viele Menschen haben über Jahrzehnte hart gearbeitet, Familien gegründet, Unternehmen aufgebaut und unser Land zu dem gemacht, was es heute ist. Dafür verdienen sie Respekt und Anerkennung – selbst dann, wenn wir manche Entscheidungen von damals aus heutiger Sicht mit einem ganz anderen Wissen kritisch betrachten müssen. Hinterher ist man eben immer klüger. Das ändert nichts an der tatsächlichen Aufbauleistung von damals.
Es gibt in jeder Generation Menschen, die Verantwortung übernehmen, und solche, die das nicht tun. Aber wir sollten nicht zulassen, dass einzelne Beispiele zum Urteil über eine ganze Generation werden.
Das gilt auch für den Blick auf junge Menschen, die heute auf die Straße gehen und Veränderungen einfordern. Das ist kein Angriff auf die ältere Generation, sondern Ausdruck einer lebendigen Demokratie. Es geht ihnen um marode Schulen, bezahlbaren Wohnraum, soziale Gerechtigkeit und die Frage, wie viel Mitbestimmung sie bei Entscheidungen haben, die ihre Zukunft betreffen.
Natürlich muss man hier klar unterscheiden: Wenn einzelne die Situation ausnutzen, um nachts Ausschreitungen anzuzetteln und Gewalt auszuüben, hat das nichts mehr mit demokratischem Protest zu tun. Solche Taten müssen unmissverständlich verurteilt werden. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass das Verhalten einiger Weniger den Blick auf die eigentlichen Anliegen der Jugend verstellt oder als Vorwand dient, ihnen nicht mehr zuzuhören.
Unsere Gesellschaft verändert sich. Die Welt dreht sich immer schneller, und wir müssen unsere Antworten stetig weiterentwickeln. Dafür brauchen wir die Erfahrung der Älteren genauso wie die Ideen, die Energie und manchmal auch den Widerspruch der Jüngeren.
Wir sollten uns stärker bewusst machen, dass die gegenseitige Wertschätzung im Alltag viel größer ist, als es manche öffentliche Debatte vermuten lässt. Diesen Zusammenhalt sollten wir nicht aufs Spiel setzen, sondern stärken.
Die Älteren haben unsere Zukunft mit aufgebaut. Die Jüngeren müssen sie jetzt weitergestalten.
Nicht Jung gegen Alt und Alt gegen Jung. Es hilft uns allen am meisten, wenn wir die anstehenden Aufgaben nicht gegeneinander ausspielen, sondern als gemeinsame Herausforderung ansehen.
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